Kloster Bethlehem
Klarissen-Kapuzinerinnen
von der Ewigen Anbetung
Gründerinnen
Gründerinnen des Klosters Bethlehem



Maria Reinhard (1848-1919)


Maria Reinhard überlebte ihre jüngere Schwester Paula um elf Jahre. Sie erscheint als kränklich und zurückhaltend und steht ganz im Schatten der tatkräftigen Schwester, deren Andenken sie beförderte. Sie gehört mit zu drei Koblenz-Pfaffendorfer Klostergründerinnen.

Als erstes Kind ihrer Eltern wurde sie am 17. Februar 1848 in Essen geboren, obwohl Wetzlar der Wohnort ihrer Eltern war. Aufgrund der politischen Wirren der 1848er Revolution war ihre Mutter aber zur Familie nach Essen zurückgekehrt. Ihr weiteres Leben verbrachte sie dann in Ehrenbreitstein und Pfaffendorf. Unterbrochen wurden die Aufenthalte in Koblenz nur durch zahlreiche Reisen und Wallfahrten ins europäische Ausland. Maria Reinhard war immer die Begleiterin ihrer Schwester. Sie war zeitlebens von eher kränklicher Natur, was ihr keinen anstrengenden körperlichen Einsatz erlaubte. Viele Kuraufenthalte und Wallfahrten sollten ihrer Gesundheit förderlich sein. Sie war eine sehr religiöse Frau, die den Ordensgemeinschaften eng verbunden war. Für sie selbst kam ein Ordenseintritt nicht in Frage. In den erhaltenen Unterlagen findet sich auch kein Hinweis über eine eventuelle geplante Heirat; an einer entsprechenden Mitgift hätte es sicher nicht gefehlt. So bleibt das Bild einer konservativ frommen und reichen Frau, die mit und für ihre Familie lebt und um das Andenken ihrer Familie besorgt ist.

Literarisch-künstlerische Interessen

Über ihre Ausbildung ist wenig bekannt; sie wurde als höhere Tochter erzogen und pflegte besonders ihre künstlerischen Neigungen. Der Mal- und Zeichenunterricht – sie besuchte zeitweilig eine Kunstgewerbeschule - war bei ihr auf fruchtbaren Boden gefallen, wovon zahlreiche noch erhaltene Aquarelle in Gästebüchern, auf Briefen und in Karten zeugen.

Maria Reinhard hatte – wie ihr Vater Franz Reinhard – einen engen Bezug zu lyrischen Texten. Sie sorgte nach dem Tode des Vaters für die Ordnung und Veröffentlichung seiner religiösen Gedichte. So erscheint 1893 in Koblenz der zusammen mit ihrer Schwester herausgegebene Band „Letzte Gedichte unseres lieben Vaters Franz Reinhard“. Der Gedichtband „Auf nach Bethlehem zum Hause des Brotes. Dichtungen über die hl. Eucharistie aus dem Nachlasse herausgegeben“ wird von Maria Reinhard – die sich selbst im Buch namentlich nicht nennt – pünktlich zur Weihe der neuen Klosterkapelle am 17. Oktober 1904 fertig gestellt. Sie sorgte für Finanzierung und Druck. Allen Teilnehmenden konnte bei der Feier ein Exemplar überreicht werden. Zum Buch gehörte eine Einlage mit vier von Maria Reinhard verfassten Gedichten zur Erinnerung an die Weihe, wie sie Mutter Maria Ignatia von Hertling im Oktober 1904 schriftlich mitteilt, „da ich nicht wie Paula so manche Schritte für Sie machen konnte“. Wer es nicht weiß, erfährt nicht, dass die Gedichte von Maria Reinhard sind, denn als Verfasser ist nur angegeben „Peregrinus von Emmaus“. Sie schreibt auf diesem Blatt:

„Laßt freudig danken uns dem Herrn,
Der uns geführt durch seinen Stern!
Wie hat Er alles wohlgemacht
Nach mancher finstern Leidensnacht!
Der Weg, - ob weit und unbequem,
Er führte doch – nach Bethlehem!“

1913 veröffentlichte sie im Verlag Auer, Donauwörth, die Gedichtsammlung „In hoc signo“. Dieses Buch, welches auch zahlreiche eigene Gedichte enthält, erschien in der ersten Auflage unter dem Pseudonym Maria vom Helfenstein. Die nach einem Prämonstratenser benannte Helfensteinstraße in Koblenz-Ehrenbreitstein befand sich in unmittelbarer Nähe der Straße Oberthal, in der die Reinhardschen Häuser standen. Das Buch erfuhr regen Zuspruch und erlebte 1919 eine zweite Auflage. Diese erschien jetzt unter dem von Maria Reinhard ausgewählten deutschen Titel „Näher, o Gott zu dir, unserem Hort und Helfer“. Für die Neuausgabe wurde das Werk an einigen Stellen umgearbeitet und es erschien nun unter dem Namen „Maria Reinhard (M. vom Helfenstein)“.

Die erste Auflage enthielt noch ein Geleitwort des bekannten dänischen Dichters und Konvertiten Johannes Jörgensen (1866-1956). Wie sie den Verfasser vieler Heiligenviten, darunter eine bis heute gedruckte Biographie des heiligen Franziskus, kennen lernte, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls weilte Jörgensen 1911 längere Wochen in ihrem Haushalt in der „Villa Emmaus“, wo ihm das heute leider nicht mehr vorhandene Geistliche Tagebuch von Paula Reinhard zur Abfassung ihrer Biographie zur Verfügung stand. Maria Reinhard finanzierte den Aufenthalt und die Arbeit. Sein Buch „Die Geschichte eines verborgenen Lebens“ erschien 1913 im Herder Verlag und fand durch mehrere Auflagen eine weite Verbreitung. Maria Reinhard setzte damit der verstorbenen Schwester ein literarisches Denkmal; seitdem ist das Leben von Paula Reinhard keinesfalls mehr verborgen.

Zeichen der Zeit

Die Reinhards hatten einen weitläufigen Freundes- und Bekanntenkreis. Maria Reinhard stand daher mit vielen Personen in einem engen brieflichen Kontakt, wie aus einigen von ihr erhaltenen Briefen im Archiv des Klosters Bethlehem hervorgeht. Sie war eine einfühlsame Schreiberin, nahm Anteil an Schicksalen und spendete mit ihren Briefen Trost. So erfuhr eine Freundin, deren Mann 1883 gestorben ist, tiefe Anteilnahme. Sie korrespondierte auch mit Gästen des Reinhardschen Hauses. So ließ ihr Weihbischof Johann Anton Friedrich Baudri 1883 ein „Bildchen“ (Andachtsbild) schicken.

Im Dezember 1914 erfuhr sie von einer Freundin, dass deren Söhne im Krieg vermisst, gefallen und verwundet waren. „Ach, was ist das für eine entsetzliche Zeit! –schrieb sie zurück und damit kamen die Kriegsereignisse auch in die „Villa Emmaus“. Sie lernte auf ihren Reisen Leute kennen, die Vermögen in einem der kriegführenden Staaten angelegt hatten, zu dem ihnen nun durch die Kriegsereignisse der Zugang verwehrt war.

Die Verwalterin

Maria Reinhard erschien nach außen hin weniger praktisch veranlagt als ihre Schwester. Doch wie mehrere erhaltene Briefe aus der Planungs- und Bauzeit von Kloster Bethlehem zeigen, war sie voll in das Geschehen eingebunden und konnte Paula, während diese in Exerzitien weilte, ebenbürtig in baulichen Angelegenheiten vertreten. Sie pflegte einen sehr vertrauten Umgang mit Sr. Maria Ignatia von Hertling. Sie war mit Fragen des Baues und den Finanzen, z. B. mit Kostenvoranschlägen sowie mit dem Umgang bei den Genehmigungsbehörden völlig vertraut und wusste wichtige Informationen nach Mainz weiterzugeben. Ihr war der Wert von vertraglichen Vereinbarungen durchaus bewusst und so riet sie den Mainzer Schwestern 1903, bei allem Vertrauen zu dem Architekten August Menken, unbedingt einen Vertrag abzuschließen: „… in Geschäften ist doch immer Klarheit und genaue Abmachung nötig“.

Nach dem Tode ihrer Schwester Paula musste Maria Reinhard selbst die Geschäfte führen und das nicht unbeträchtliche Familienvermögen verwalten. Ihr zur Seite stand die später von ihr adoptierte Hausdame Maria van Gelder († 29.12.1944 in Bonn), die sie auch als Erbin einsetzte. Die Geschwister Reinhard hatten vor Paulas Tod noch keine endgültige Verfügung bezüglich der Eigentumsverhältnisse des Klosters Bethlehem geregelt. Dies geschah durch Maria Reinhard erst kurz vor dem Tod von Mutter Maria Ignatia von Hertling durch eine entsprechende Schenkung an den Bischöflichen Stuhl zu Trier. Die „Villa Emmaus“ kam hingegen nie in den Besitz des Klosters. Dies war zwar ursprünglich vereinbart, doch hier entschied Maria Reinhard zu Gunsten von Maria van Gelder, die das Haus erbte. Maria Reinhard trug sich auch kurzzeitig mit dem Gedanken der Errichtung eines Damenstiftes („Emmaus-Stift“) in dem großen Haus, was keinesfalls die Billigung der Anbetungsschwestern fand, stand doch das Haus direkt neben dem Kloster.

Maria Reinhard hielt immer einen sehr engen Kontakt zu ihren Nachbarinnen, den Anbetungsschwestern. Dies geschah, daheim und auf Reisen, in der Regel durch Briefe, da die Schwestern in der Klausur lebten und allenfalls am Sprechgitter eine kurze persönliche Begegnung möglich war. So schrieb sie beispielsweise Anfang Dezember 1914 von einem Aufenthalt in Lindau am Bodensee an die Oberin des Klosters, dass sie, wie in den vergangenen Jahren üblich, dem Konvent 100 Mark zur Erfüllung von Weihnachtswünschen überlassen werde.

Der Tod ihrer Schwester und der Tod von Maria Ignatia Hertling bedeuteten einen tiefen Einschnitt in Maria Reinhards Leben. Doch auch sie lebte ganz aus dem Glauben heraus, wie sie 1909 in einem Osterbrief an Kloster Bethlehem schreibt:

„Emmaus und Bethlehem feiern ein wehmütiges Osterfest, denn Emmaus und Bethlehem haben beide ihr Liebstes, ihr teuerstes Kleinod zum Opfer bringen müssen. Aber wir wollen unsere Augen nicht auf den frischen Gräbern ruhen lassen, nicht unser Herz bei dem Verlust allein verweilen lassen, nein, mit den Frauen am Grabe wollen wir die Stimme des Engels vernehmen, der uns sagt: `Was suchtet Ihr den Lebendigen unter den Toten?´ Sursum corda! Hinauf wollen wir mit unseren Herzen und des eigenen Schmerzes vergessend, uns an der seligen Osterfreude unserer beiden, so unsäglich teuren Heimgegangenen mit erfreuen. – Welch ein Osterfest werden sie vereint in seligem Jubel dort feiern!“ Maria Reinhard erlebte noch einige Osterfeste im „Haus Emmaus“. Sie starb am 15. September 1919 im Alter von 71 Jahren in Koblenz-Pfaffendorf und wurde in der Reinhardschen Friedhofsgruft in Paffendorf beigesetzt. 1968 wurde sie, wegen baulicher Veränderungen auf dem Friedhof, zusammen mit ihrer Schwester auf den Friedhof von Kloster Bethlehem umgebettet. Dort sind die drei Gründerinnen des Klosters nun im Klostergarten unter dem Stern vereint.

Dr. Gisela Fleckenstein OFS