Kloster Bethlehem
Klarissen-Kapuzinerinnen
von der Ewigen Anbetung
Gründerinnen
Gründerinnen des Klosters Bethlehem


Maria Ignatia von Hertling (1838-1909)

Maria Ignatia von Hertling war die Mitbegründerin und erste Äbtissin des Klosters der Klarissen-Kapuzinerinnen von der Ewigen Anbetung in Koblenz-Pfaffendorf. Viele von der erfahrenen Ordensfrau angeregten und initiierten Gepflogenheiten und Gebräuche prägen die Gemeinschaft bis heute.

Kindheit und Jugend

Anna Maria Freifrau von Hertling wird als viertes von elf Kindern am 2. April 1838 in Aschaffenburg geboren. Sie ist die Tochter des Königlich Bayerischen Forstmeisters Josef Freiherr von Hertling (1802-1867) und seiner aus den Niederlanden stammenden Ehefrau Wilhelmine von Bourcourd (1811-1884). Der Zentrumspolitiker und spätere Reichskanzler Georg Freiherr von Hertling (1843-1919) ist ihr Vetter. Sie wächst behütet von Familie, Taufpatin und Großmutter im Hertlingschen Haus auf. Eine religiöse Erziehung gehört wie selbstverständlich dazu. Den ersten Schulunterricht erhält sie am Institut der Englischen Fräulein an ihrem Wohnort. Mit elf Jahren kommt sie 1849 zur Erziehung in das Institut der Heimsuchungsschwestern in Dietramszell bei Holzkirchen (Oberbayern). Sie bleibt fünf Jahre lang fern von der Familie und hat als Gefährtinnen aus der Heimat drei Töchter aus der befreundeten Aschaffenburger Familie von Christian Brentano, dem jüngeren Bruder des großen Dichters. Bei den Salesianerinnen, wie die Schwestern auch genannt werden, macht sie auch Bekanntschaft mit der Spiritualität des heiligen Franz von Sales, die sie ihr Leben lang prägen sollte. Er legte das Hauptgewicht nicht auf nach außen hin strenge Übungen, sondern forderte eine entschiedene, selbstlose Hingabe an Gott und den Nächsten nach dem Vorbild Mariens im Geheimnis der Menschwerdung Christi. Die große Kirchenglocke von Kloster Bethlehem wird später den Namen des Heiligen tragen.

Sie ist eine gute Schülerin und interessiert sich besonders für das Fach Religion. Religion wird in Dietramszell nicht nur unterrichtet, sondern in einem auch für die Schülerinnen klösterlich strukturierten Alltag, praktisch vorgelebt. Gebetszeiten und geistliche Übungen gehören zum Tagesablauf. Im Pensionat schöpft sie Kraft für ihr geistliches Leben aus dem jeweiligen Sonntagsevangelium, welches sie immer auswendig lernt. Diese Übung führt sie später im Noviziat der Kapuzinerinnen für die Ordensneulinge ein.

Mit 16 Jahren kehrt sie nach Hause zurück. Die Familie – die jüngeren Geschwister lernt sie jetzt erst kennen – ist inzwischen aufgrund einer Versetzung des Vaters nach Landshut umgezogen. Doch Anna bleibt in Aschaffenburg bei ihrer alleinstehenden Patentante und wohnt drei Jahre bei ihr. Tante Nanny von Hertling geb. Schweitzer, eine verwitwete Schwägerin ihres Vaters, ist eine fromme Frau, die einen Kapuzinerpater als geistlichen Begleiter hat. Anna nimmt aktiv am Gebetsleben ihrer Tante teil, wobei oft die eucharistische Anbetung im Mittelpunkt steht. Auch dieses unfreiwillige kontemplative Leben – die Trennung von der Familie ist nicht einfach – prägt ihr weiteres Leben. Mit 19 Jahren kehrt sie endlich nach Landshut zurück. Doch die Familie ist kleiner geworden. Ihre ältere Schwester Elise ist als Sr. Joseph Antoinette bei den Heimsuchungsschwestern in Annecy eingetreten, die älteste Schwester Berta heiratet 1864, die drei ältesten Brüder Jan, Max und Wilhelm und später Franz, der jüngste, schlagen eine militärische Laufbahn ein, Karl studiert Forstwissenschaft. Maria, sie wird später ins Kloster Zangberg eintreten, und Antonie arbeiten als Erzieherinnen und Helene bleibt nach dem Tod des Vaters bei der Mutter. Anna wird gebraucht, um in der Familie ihres Onkels in Aschaffenburg als Erzieherin zu helfen. Sie kümmert sich um die sechs Kinder einer ihrer früh verstorbenen Tanten.

Weg in den Orden

Nur rückblickend scheint der Weg in den Orden für Anna bereits vorgezeichnet zu sein. Sie besucht 1861 das neu gegründete Kloster Zangberg der Salesianerinnen, wo sie ehemalige Lehrerinnen sowie Mitschülerinnen trifft, die den Weg in diese Gemeinschaft gewählt haben. Anna wäre innerlich für eine Aufnahme in die Gemeinschaft bereit gewesen, doch bei ihrem zweiwöchigen Aufenthalt wird die Frage seitens der Gemeinschaft nicht an sie gerichtet. Ihr Weg wird ein anderer sein. In Aschaffenburg trifft sie auf den Kapuzinerpater Felix Maria von Zill (1882-1901), der dort lange Jahre Beichtvater bei den Englischen Fräulein war. Ihm kann sie sich ganz anvertrauen und er erkennt ihre Ordensberufung zu den Kapuzinerinnen in Mainz im Kloster der Ewigen Anbetung. Die Mutter versucht sie – auch durch ein Gespräch mit dem zuständigen Mainzer Bischof Wilhelm Emanuel von Ketteler – vergeblich von dem Eintritt in diese klausurierte Gemeinschaft mit einer armen und strengen Lebensweise abzuhalten. Anna von Hertling ist immerhin schon 33 Jahre alt, als sie am 28. Oktober 1871 die Probezeit (Postulat) beginnt. 30 Jahre später schreibt sie über ihre Zeit der Berufung: „Ich liebe die Zierde deines Hauses und die Herrlichkeit deiner Wohnung. – Dieses Wort hat mich in früheren Jahren stets an der Krippe beseligt und hat mich ins Kloster der Ewigen Anbetung geführt; denn die Zierde Seines Hauses war in meinen Augen Seine Demut und Armut und der Wohnort Seiner Herrlichkeit waren für mich die Krippe und der Altar. Das alles erwog ich mit dem Seraph der Liebe, dem heiligen Franziskus, bis er mich am Gürtel hierher zog in das irdische Paradies der Ewigen Anbetung“. Am 17. September 1872, dem Fest der Wundmale des hl. Vaters Franziskus, wird sie mit zwei weiteren Postulantinnen mit dem Habit der Kapuzinerinnen eingekleidet. Sie erhält den Ordensnamen Sr. Maria Ignatia, den sie von jetzt an nur noch tragen wird. Im November dieses Jahres weilt Paula Reinhard ein paar Tage im Kloster Mainz, um an Exerzitien teilzunehmen. Sie schreibt darüber in ihrem Tagebuch: „Ich bin noch ganz ergriffen von den armen, kleinen Zellen der guten Schwestern, so klein, dass man sich buchstäblich kaum darin bewegen kann, und manche gar mit wenig Licht und Luft. Es sind 48 Schwestern da, viele aus den besten Familien“. Die Zeit des Noviziates ist für Maria Ignatia in ihrem doch schon fortgeschrittenen Lebensalter nicht immer einfach. Trifft sie doch als gereifte Persönlichkeit auf charakterlich unterschiedliche Schwestern. Der Konvent wird durch die Vorboten des Kulturkampfes auch allmählich in Unruhe versetzt. Sie beteiligt sich trotz ihrer oft schwachen Gesundheit an allen Arbeiten und Übungen im Haus. Ein Grundsatz lautet: „Gott allein vor Augen, Jesus zum Vorbild, Maria zur Mutter, ich zum Opfer“. Darin eingeschlossen sind auch Übungen des Fastens. 1873 lernt Maria Ignatia die Klosterkandidatin Paula Reinhard kennen, doch diese muss im Gehorsam auf einen Eintritt verzichten und in ihr Elternhaus zurückkehren. Fast 30 Jahre sollten bis zu einem Wiedersehen vergehen. Nach den üblichen Exerzitien bindet sich Maria Ignatia am 15. Oktober 1873 durch die Ewige Profess, die sie in die Hände des Mainzer Bischofs Ketteler ablegt, für immer an die Ordensgemeinschaft. Am gleichen Tag wird ihre leibliche Mutter Wilhelmine in den Dritten Orden des heiligen Franziskus aufgenommen.

Leben im Mainzer Konvent

1876 wird sie unter die Konventschwestern aufgenommen und zunächst als Sekretärin eingesetzt. Ihre liebenswürdige Heiterkeit und ihr Dichtertalent erfreuen die Mitschwestern. Sie erkrankt schwer und empfängt am 26. April 1878 sogar die Sterbesakramente, doch Gottes Pläne sind andere. Aus dem durch den Kulturkampf bedingten Aufnahmestopp von neuen Mitgliedern resultiert, dass Sr. Maria Ignatia über zehn Jahre lang zu den jüngsten Schwestern des Konventes gehört.

Leitungsverantwortung

Der Mainzer Konvent wählt Sr. Maria Ignatia am 27. Juli 1882 erstmals zur Oberin. Ihre erste Amtshandlung ist äußerer Natur. Am 21. Juni 1883 erhalten alle 40 Schwestern des Konventes ein neues Ordenskleid. Vorbild ist das Mutterkloster Notkersegg in der Schweiz. Ein mutiger Schritt ist am 17. September 1883 die geheime Aufnahme von fünf Postulantinnen während der Kulturkampfzeit, denn ohne Nachwuchs ist der Fortbestand des Klosters nicht gesichert. Die Aufnahmen geschehen in Absprache mit dem Mainzer Bistumsverwalter Christoph Moufang. Die jungen Frauen sind als Pensionärinnen und Auszubildende gemeldet. Ein Jahr später, am 26. Oktober 1884 werden sie in das Noviziat aufgenommen. Das Ordenskleid tragen sie aber nur zum Schlafen. Um diese Zeit bittet auch Paula Reinhard um die Übersendung eines Habits, was ihr gewährt wird.

Während der zweimal neun Jahre (1882-1891,1894-1903), in denen Maria Ignatia als Oberin Verantwortung trägt, ist der Konvent um 33 Schwestern mit Ewigen Gelübden angewachsen. Als Bauherrin muss die Oberin das Kloster erweitern. Das Mainzer Anbetungskloster lebt von Almosen und Handarbeit. Die Schwestern stellen Paramente her und versorgen die umliegenden Kirchen mit Hostien. Im Zentrum des Lebens stand jedoch immer die Ewige Anbetung des Altarsakramentes.

Die Oberin muss gemäß der Regel alle drei Jahre neu gewählt werden; eine Wiederwahl ist zulässig, eine dritte Wahl muss vom Bischof bestätigt werden. Sr. Maria Ignatia schreibt über ihr Amt 1888 an die Landshuter Jugendfreundin Franziska Freifrau von Wulffen: „…, Fanny, ich habe gelernt, dem lieben Gott alle Sorgen zu überlassen. Wir müssen und wollen Ihn schalten lassen, dann hilft Er auch und lenkt alles zum Besten. Ich meine, wir Ordensleute hätten es am besten auf der Welt und unserm Kreuz sei gleichsam die Spitze abgebrochen durch die gänzliche Hingabe an Gottes heiligen Willen – allein auch Du kannst Dir alles Herbe erleichtern durch den Hinblick auf Gottes heiligsten, anbetungswürdigsten Willen….“

Ein Höhepunkt für den ganzen Konvent ist am 15. Oktober 1889 die Bestätigung der Ordenskonstitutionen durch die römische Kurie. Dies hatte sich durch den Kulturkampf und den Tod von Bischof Ketteler immer wieder verzögert. Der Provinzialminister der Kapuziner P. Alfons Maria von Hadamar (1838-1895), der dem Festgottesdienst vorsteht, sagt zu den Schwestern: Pater Bonifatius Söngen (+1888), der 1860 das Mainzer Kloster „Maria Hilf“ gründete, habe die Schwestern zu guten Anbeterinnen erzogen; seine Aufgabe sei es „aus ihnen gute Kapuzinerinnen zu machen“. Damit übernahm der Konvent kapuzinische Bräuche und Gewohnheiten.

Eine Pause vom Amt der Oberin ist ihr 1891-1893 gegönnt, doch als Vikarin unterstützt sie die Oberin Sr. Maria Luzia nach besten Kräften. Wie immer ist es ihr Anliegen, sich um das Wohlergehen und die Nöte der einzelnen Schwestern zu kümmern. Der Konvent lebt in der Frömmigkeit seiner Zeit, wobei die Marien- und die Herz-Jesu-Verehrung einen zentralen Platz einnehmen. Auch die Mitgliedschaft in Bruderschaften und Gebetsvereinigungen gehört dazu. Zur Feier des Namens Jesu kann Maria Ignatia durch eine Freundin 1892 an eine Statue des Prager Jesuskindes kommen, die im Konvent einen Ehrenplatz einnimmt. Mit einem von Maria Ignatia 1894 verfasstem Versgebet „Herzensgruß zum gnadenreichen Prager Jesuskind“ wird das göttliche Kind bestürmt, die Nachwirkungen des hessischen Kulturkampfes abzumildern. Die Gebete werden erhört, und ab dem 1. Mai 1895 darf der Konvent wieder offiziell Novizinnen aufnehmen. Die erste Postulantin ist Sr. Maria Fidelis (Anna) Lauteren, die später mit nach Kloster Bethlehem gehen wird. 1899 erhält das Kloster die Rechte einer juristischen Person (Korporationsrechte).

1894 wird Sr. Maria Ignatia wiederum zur Oberin gewählt. Mutter Maria Ignatia spricht ihr „Fiat“. Sie betet auch jetzt, wie bei den früheren Wahlen, ein selbstverfasstes Weihegebet an die Immaculata. Im Mainzer Konvent können dank einer Mitgift viele bauliche Verbesserungen durchgeführt werden. Für die Chorschwestern, die das lateinische Brevier beten, führt die Oberin einen regelmäßigen Lateinunterricht ein, den sie zeitweise selbst übernimmt. 1897 und 1900 wird sie wiederum gewählt und kann sich dem Amt, trotz gesundheitlicher Belastungen, nicht entziehen. In Exerzitien beschäftigt sie sich schon intensiv mit der Vorbereitung auf den Tod. 1898 kann sie mit der Klostergemeinde, Angehörigen und Gästen ihr 25jähriges Professjubiläum feiern. Den Schwestern erklärt sie, warum sie zu diesem Fest keine Gaben wie zum Namenstag erwarte: „Bei einem Professjubiläum treten die betreffenden Jubilarinnen nur hervor, um in Demut ihr Miserere – aber auch in gottbegeistertem Jubel ihr Magnifikat zu sprechen. Dafür aber tritt Jesus selbst in die volle Erscheinung, seine grundlose Barmherzigkeit und Liebe, die Wunder seiner Gnadenauserwählung. Folglich können ruhig alle kleinen Gaben und Arbeiten, die am Namenstag schon geflossen sind, wegbleiben, ohne die Festfreude zu stören.“

Neugründung in Koblenz-Pfaffendorf

Schon 1891 macht sich Maria Ignatia Gedanken über die Gründung eines zweiten Kapuzinerinnenklosters in Deutschland. Auch weil sie ggf. in Notzeiten an ein Ausweichquartier für ihren Konvent außerhalb der hessischen Grenzen denkt. 1892 fragt sie deshalb in der Diözese Münster vergeblich an. Außerdem wird es im Mainzer Konvent bei anhaltendem Zustrom von Kandidatinnen zu eng. Es kommen aus mehreren deutschen Regionen Angebote zu einer Neugründung, die aber meist mit großen Kosten verbunden sind. Außerdem sind nach dem Kulturkampf Anbetungsklöster, von denen kein direkter praktischer Nutzen ausgeht, nicht überall erwünscht. Erst durch die Verbindung mit den Geschwistern Reinhard nimmt der Wunsch eine konkrete Gestalt an. Am 10. April 1902 kann sie ihren Schwestern mitteilen, dass bei Koblenz eine Neugründung gewünscht werde.

Dem war einiges vorausgegangen. Die Mainzer Klosterchronik berichtet: „Wir befanden uns in der Oktav des Festes der hl. Drei Könige; der Morgen des 12. Januar [1902], der für uns so denkwürdig werden sollte, war hereingebrochen und mit ihm die Betrachtungsstunde unserer lieben ehrw[ürdigen] Mutter. Mehr denn je bedrückt von all den eben geschilderten Wirrnissen, hatte sie ihr kleines Oratorium betreten; ihre Seele war betrübt, aber nicht entmutigt, denn sie wusste, dass dem gläubigen Vertrauen alles verheißen ist. Was war geschehen, dass sie jetzt – leuchtenden Auges, das Herz voller Zuversicht war? Sie selbst erzählte es uns in kurzen freudigen Worten:

Sie hatte sich der drei heiligen Weisen erinnert, denen der Stern entschwunden, welcher sie bisher so sicher geleitet; ihres treuen Beharrens im Suchen nach dem neugeborenen König, und ihrer überaus großen Freude, da er ihnen dann plötzlich wieder erschienen und nun hell strahlend über dem Stalle von Bethlehem feststand. `Es gibt Augenblicke im Gebet´, fuhr dann diese gute Mutter mit bewegter Stimme fort, `in denen die Seele so ganz in Gott verloren und versenkt ist, dass sie sich gleichsam seiner Nähe und Hilfe fühlbar bewusst wird, und ein solches Gefühl der Nähe und Hilfe meines Gottes überkam mich, als ich heftiger und heißer um Erhörung flehend, schließlich zu ihm aufrief; O mein Gott, lass doch auch mir jetzt den Stern leuchten, der mir den Weg und den Ort zeigt, wohin du mich berufen willst! – Da plötzlich wusste ich, dass ich den Stern sehen werde; ich fühlte es mit untrüglicher Gewissheit, dass mein Gebet erhört sei`“. Zwei Tage vergehen, als am Morgen des 14. Januar ein Brief aus Italien mit der überraschenden Nachricht von Paula Reinhard eintrifft, der eine Gründung in Pfaffendorf ermöglichen soll.

Der Mainzer Bischof stimmt einen Monat später der geplanten Neugründung zu, unter der Bedingung, dass das Mainzer Kloster nicht darunter leiden darf. Der Trierer Bischofskollege hatt ebenfalls keine Einwände und die staatliche Zustimmung kann auch erlangt werden. Nun steht dem Neubau von Kloster und Kapelle in Pfaffendorf nichts mehr im Wege. Unzählige Briefe werden zwischen Paula Reinhard und Maria Ignatia gewechselt, um die besten baulichen und finanziellen Lösungen zu finden.

Stern über Bethlehem

Am 23. Mai 1902 kommen die ersten Kapuzinerinnen von Mainz nach Paffendorf. Ein mühevoller Weg liegt hinter ihnen. Maria Ignatia selbst ist in Mainz, der den Plan ausarbeitende Architekt August Menken ist in Berlin, die Geschwister Reinhard sind auf Reisen. Zwischen den Geschwistern Reinhard und Mutter Maria Ignatia besteht ein schwesterliches Verhältnis; sie sucht nichts anderes, als gemeinsam den Willen Gottes zu erfüllen, getragen von der tiefen Liebe zum eucharistischen Herrn, getragen von der Überzeugung, Gott habe ihnen die Gründung des neuen Heiligtums anvertraut und führe das Werk trotz aller Hindernisse zur Vollendung. „Deus providebit“ – „Gott wird sorgen“, ist das viel zitierte Wort von Paula Reinhard. Ihre Herzen und Gedanken stehen einander klar gegenüber. Durch alle scheinbaren Verwicklungen und Hemmnisse glänzen für beide immer die wunderbaren Fügungen der göttlichen Vorsehung hindurch. Maria Ignatia leidet schwer und ihre Gesundheit ist stark angegriffen. In aller Stille empfängt sie im Februar 1903 abermals die Sterbesakramente; erst Ostern kann sie am Leben der Gemeinschaft wieder regulär teilnehmen.

Am 23. Mai 1903 zieht Sr. Maria Ignatia mit drei Schwestern um in die erste so gar nicht franziskanische Unterkunft, nämlich in die vornehm ausgestattete „Villa Emmaus“ nach Pfaffendorf. Sie werden dort von den Geschwistern Reinhard, dem Ortspfarrer und zwei Freundinnen der Reinhards feierlich empfangen. Die vier Schwestern erleben Höhen und Tiefen bei der Fertigstellung des Klosterbaus. 1903 feiert die kleine Gemeinschaft das erste Weihnachtsfest in Pfaffendorfer. Sr. Maria Ignatia berichtet darüber an die Mainzer Schwestern: „Mit welchen Gefühlen ich diese erste Christmette angesichts des neu entstehenden Bethlehem, in dem ja bald alltäglich das Christkind geboren, Gott dem Herrn Ehre, und Frieden den Menschen gebracht werden wird, feierte, können Sie, liebe Frau Mutter, gut verstehen. Dieses unbekannte Fleckchen Erde, wie einstens die Fluren Bethlehems, soll nun bald dem lieben Heiland Wohnung bieten und Himmelsglanz ausstrahlen – und es werden arme, schlichte Hirten zur Anbetung berufen werden. Venite adoremus! Solche Stunden Himmelslicht, in denen die Tränen der Rührung, des Dankes und der Freude erglänzen, entschädigen für vieles und überdecken alle Opfer und Prüfungen, die vorhergingen“.

Der „Sterntag“ von Maria Ignatia ist Wirklichkeit geworden. So wird 15 Jahre nach der Bestätigung der Mainzer Konstitutionen in Pfaffendorf am 17. Oktober 1904 die neue Klosterkapelle durch den Trierer Bischof Felix Korum geweiht. Bereits im November beginnen sechs junge Frauen das Postulat im neuen Kloster, um in dieser Probezeit in das Ordensleben eingeführt zu werden. Sr. Maria Ignatia, die 1904 erwartungsgemäß zur ersten Oberin des Klosters gewählt wird (Wiederwahl 1907), gibt den Schwestern Verantwortung und schenkt ihnen Vertrauen. Innerhalb des übertragenen Arbeitsbereiches sollen die Schwestern Bewegungsfreiheit haben und die Verantwortung tragen. Wichtig ist für Mutter Maria Ignatia die liebevolle Aufmerksamkeit für die Umgebung. Sie liebt den hellen Blick und ein waches Herz für gegenseitige Hilfeleistung. Wenig schätzt sie jene unbescheidene Aufmerksamkeit, die sich neugierig oder kritisch kümmert um das, was sie nichts angeht. Sie achtet auf das Aufgeben der eigenen Empfindlichkeit, erinnert daran, immer eine gute Meinung zu machen: „Nichts tun, ohne zu denken.“

Belehrungen von Mutter Maria Ignatia sind nicht bloße Theorie. Sie weist immer den Weg in die Praxis. Vor allem sollen die Schwestern sich im Glauben an Gottes gnadenvolle Gegenwart üben. Das liebevolle Aufmerken auf den Herrn führt zu dem Bestreben, Ihm Freude zu machen. Mutter Maria Ignatia empfiehlt, häufig Stoßgebete zu machen, niemals zerstreut über die Gänge zu gehen. Sie wacht über das Chorgebet in der jungen Bethlehemfamilie und vermittelt die Hochschätzung des Breviergebetes als des Gebets Jesu selbst. Maria Ignatia weiß auch die jungen Schwestern beruflich zu fördern, beispielsweise durch Gesang, Orgelunterricht und andere für die Gemeinschaft nützliche Kenntnisse. Sie lernen Maschinenschreiben, nehmen teil am Stenographiekurs. Unter Maria Ignatias mütterlicher Sorgfalt entwickelt sich das Leben des Gebetes und der Arbeit in der rasch wachsenden Klostergemeinde. Bald sind unter der Leitung von Sr. M. Agnes mehrere junge Schwestern mit der Anfertigung von Altardecken und liturgischen Bekleidungsstücken (Paramenten) beschäftigt, die sich einer großen Nachfrage erfreuen. Damit freigiebig ist das Kloster 1907 auch für den Afrikamissionar und Herz-Jesu-Priester P. Robert Männersdörfer aus Koblenz. Knapp 25 Jahre später machen sich zwei Schwestern aus Bethlehem auf den Weg, um in Afrika ein neues Kloster mitzubegründen.

Im Zentrum des klösterlichen Lebens steht immer das Leben im Geheimnis der Eucharistie – ist doch die ewige Anbetung die Mitte des Konventes. Zur Vorbereitung auf die kirchlichen Feste, namentlich vor den Marienfesten, liebt es Maria Ignatia - aus ihrem Herzen schöpfend – Novenen zu schreiben; und die heiligen Zeiten des Advents und der Fasten leitet sie ein durch aufmunternde Worte an ihre Gemeinschaft, immer verbunden mit einem Apostolatsgedanken. Das ist zu einem lebendigen geistigen Erbe geworden bis in das heutige Gemeinschaftsleben hinein. Maria Ignatias ganzes Leben ist von einem Urvertrauen auf Gott geprägt. Ein Wort, das sie oft wiederholt, ist: „Den Gedanken muss man immer festhalten, dass der liebe Gott uns nie etwas abgehen lässt. Wenn er uns scheinbar etwas entzieht und uns gerade das nimmt, was uns zu unserem Fortschritt am notwendigsten scheint, so ersetzt er es sicher auf andere Weise. Man darf nie mutlos werden. „Wir sollen eine möglichst große Vorstellung vom Gott haben und ihn nicht in unsere beschränkten Verhältnisse hineinziehen“. Aus Liebe zu Jesus sich selbst vergessen und in den Anliegen Seines Herzens beten, stellt Mutter Maria Ignatia über viele mündliche Gebete. „Ich weiß schon vorher, ob mich der liebe Gott erhören wird; das fühle ich im Vertrauen“, kann sie von sich sagen. Hätte sie sonst den wohlbestellten Mainzer Konvent verlassen, um in Kloster Bethlehem Aufbauarbeit zu leisten? Wichtig sind ihr auch die Heiligen als Fürsprecher, darunter besonders der hl. Joseph und der hl. Antonius von Padua. Noch heute befindet sich im Vorraum der Kapelle eine auf ihre Veranlassung hin angeschaffte Statue des franziskanischen Heiligen.

Dem Himmel ein Stück näher

Maria Ignatia feiert am 2. April 1908 ihren 70. Geburtstag in froher Runde. „Wenn der siebzigste Geburtstag so festlich gefeiert wird, heißt es, dann ist er der letzte“, hört ihre Mitschwester Maria Fidelis Lauteren und es klingt für sie wie eine Vorhersehung. Doch am 18. Juni 1908 stirbt Bethlehems erste Wohltäterin Paula Reinhard. Die Kapuzinerinnen gedenken ihrer ihm Gebet.

Die tiefe Verbundenheit von Maria Ignatia zur Gottesmutter Maria rührt aus ihrer Pensionatszeit und hält ein Leben lang. Drei Wochen vor ihrem Tod äußert sie daher einen Namenstagswunsch: Eine Statue der Unbefleckten Empfängnis, gefertigt nach der von Papst Pius IX. zur Verkündigung des Dogmas von 1854 herausgegebenen Medaille. Diese Statue wurde 1909 durch den Bildhauer Anton Mormann (1851-1940) aus Wiedenbrück (Westfalen) angefertigt und in der Klosterkapelle aufgestellt. Im Januar 1909 erteilt der 73jährige P. Raymundus Mutter Maria Ignatia seinen Primizsegen. Der Mann in der Ordenskleidung der Dominikaner ist Karl Fürst zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg (1834-1921), ehemals Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und Reichstagsabgeordneter. Mutter Ignatia kennt ihn schon vor ihrem Klostereintritt. Der Vater zweier Kinder ist nach dem Tode seiner Frau 1907 bei den Dominikanern eingetreten. Dies sollte eine letzte große Freude sein, denn im selben Monat wird Maria Ignatia von einer Grippeepidemie erfasst, die schwer an ihren Kräften zehrt. Eine Lungenentzündung schwächt sie vollends. In dieser Zeit können glücklicherweise noch die Besitzverhältnisse von Kloster Bethlehem mit der Übertragung des Klosters auf den Bischöflichen Stuhl geregelt werden. Maria Reinhard hat dies nach einer Zeit der Unsicherheit veranlasst.

Am Abend des nächsten Tages, es ist der 27. März 1909, – zur Zeit des Silentiums (Stille) im Kloster - betet Mutter Maria Ignatia die drei Ave, mit denen sie als Mitglied der Erzbruderschaft von der Immerwährenden Hilfe jeden ihrer Tage zu beschließen pflegt. Gegen 20.30 Uhr geht mit einem letzten Ave ihr Leben zu Ende. Sie wird, so der Ordensbrauch, in ihrem Habit auf der Klostergrabstätte auf dem Pfaffendorfer Friedhof beigesetzt. Heute befindet sich ihr Grab im Klostergarten.

Nicht nur die Mitschwestern trauern um die verstorbene Mutter. P. Max Kugelmann, der Generalrektor der Pallottiner, schreibt den Schwestern: „Es wird Sie aber sicherlich der Gedanke trösten, dass ihre bisherige Oberin auch im Himmel fortfahren wird, für das ihr so teure Haus „Bethlehem“ zu sorgen“. Die Schwestern erhalten viele Schreiben der Anteilnahme und versuchen in den nächsten Jahren selbst ein getreues Lebensbild ihrer verstorbenen Oberin zu gewinnen. Sie bitten die Familien und den Freundskreis um Auskünfte. Die Nichte Mutter Maria Ignatias, Maria Freifrau von Hertling, die Tochter ihres Bruders Karl, erblindete während ihres Studiums und tritt mit 23 Jahren 1905 als Sr. Maria Franziska in das Kloster Bethlehem ein. Sie verarbeitet alle Berichte und wird zur ersten Biographin ihrer Tante.

So haben innerhalb eines Jahres – wie im Kondolenzschreiben eines Pfarrers steht – „die beiden Mütter [Paula Reinhard und Maria Ignatia von Hertling], die eine mit Schleier, die andere ohne Schleier, vom lieben Gott bereits den ewigen Lohn erhalten. Und werden sicher nun mit größerer Liebe vom Himmel auf das Stück Paradies hernieder schauen, das sie auf Erden gegründet haben“.

Sr. M. Cäcilia Grüter OSCCap