Kloster Bethlehem
Klarissen-Kapuzinerinnen
von der Ewigen Anbetung
Gründerinnen
Gründerinnen des Klosters Bethlehem


Paula Reinhard (1850-1908)

Der dänische Dichter und Konvertit Johannes Jörgensen, aus dessen Feder die bisher einzige Lebensbeschreibung der Klostergründerin und Mäzenatin stammt, nannte sein 1911 erschienenes Buch „Die Geschichte eines verborgenen Lebens“. Es war ein Leben aus der Tiefe des Glaubens, welches bis heute sichtbare Spuren hinterlassen hat.

Familie, Kindheit und Jugend

Ihre Eltern waren der Jurist und religiöse Schriftsteller Franz Reinhard (1814-1893) und seine Ehefrau Pauline Mittweg (1827-1850). Die katholische Familie stammte aus Essen an der Ruhr. Dort wurde 1848 die erste Tochter Maria Theresia geboren. Die Reinhards kamen 1849 nach Koblenz-Ehrenbreitstein, wo am 11. März 1850 die zweite Tochter geboren und einen Tag später in der Pfarrei Heilig Kreuz auf die Namen Pauline Franziska Elisabeth getauft wurde. Die Mutter starb kurz nach Paulas Geburt. Franz Reinhard fand nach dem frühen Tod seiner Frau in Gertrud Feigel eine „liebe Tante“ - wie sie allgemein genannt wurde - welche den Haushalt und die Erziehung der Mädchen übernahm. Paula hatte früh zu den nach Koblenz-Ehrenbreitstein gekommenen Kapuzinern Kontakt. Sie war eine gute Schülerin und wurde in alle Fertigkeiten einer höheren Tochter eingewiesen. Die Sommerferien verbrachten die Geschwister Maria und Paula mit schöner Regelmäßigkeit bei der Großmutter in Essen-Baldeney.

Am 12. April 1863 empfing sie die erste heilige Kommunion und am 12. Oktober 1866 wurde sie in der Koblenzer St. Kastor Kirche gefirmt. Für Paula bedeutete dies eine Stärkung in ihrem geistlichen Leben und eine Hinwendung zum Gebet und praktischer Nächstenliebe. Eine Wende in Paulas Leben war für sie der Gründonnerstag 1867. Sie betete am Heiligen Grab in der Krypta der Heilig-Kreuz-Kirche und war sich danach ihrer Berufung sicher. Sie wollte Krankenschwester werden und bei den Armen Schwestern des heiligen Franziskus eintreten, die sich der ambulanten Kranken- und Armenpflege widmeten. Ihr Vater war von dem Gedanken nicht angetan und entschied, dass seine beiden Töchter vor ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr weder heiraten noch in ein Kloster eintreten durften.

Paula legte bei ihrem Beichtvater und geistlichen langjährigen geistlichen Begleiter, dem Kapuzinerpater Ignatius von Weldige, private Gelübde der Jungfräulichkeit (Ehelosigkeit), des Gehorsams und der standesgemäßen Armut ab. Am 24. Juni 1872 ließ sie sich als „Schwester Veronika“ in den Dritten Orden des hl. Franziskus (heute Franziskanische Gemeinschaft) aufnehmen. Der Dritte Orden war und ist für Männer und Frauen, die in der Welt leben. Er kennt keine Ablegung von Ordensgelübden und kein Ordenskleid. Dennoch hatte Paula Reinhard ihren weltlichen Tagesablauf mit Gebetszeiten klösterlich strukturiert, die sie vor ihren Angehörigen zu verbergen suchte.

Berufung zum franziskanischen Leben

Seit November 1872 kannte Paula Reinhard das 1860 gegründete Kloster der Kapuzinerinnen der Ewigen Anbetung in Mainz. Besonders fasziniert war Paula von der Einfachheit des Mainzer Klosters und vom Breviergebet der Schwestern. Franz Reinhard erlaubte kürzere Klosteraufenthalte. So hatte die Oberin der Mainzer Kapuzinerinnen Paula nach ihrem ersten Aufenthalt 1872 angeboten, auch ohne in die Ordensgemeinschaft einzutreten, eine zeitlang im Klausurbereich des Klosters mit zu leben. Sie beabsichtigte 1873 in den Orden einzutreten, doch ihr Gesundheitszustand und Vater und Beichtvater erlaubten es nicht. Regelmäßig nahm Paula an Exerzitien teil und immer wieder drängte sich ihr der Gedanke an ein Klosterleben auf, was sich aber angesichts des Alltags mit der Pflege der oft kranken Schwester Maria und der Fürsorge um den Vater und das Haus nicht realisieren ließ. Paula Reinhard erbat sich im Advent 1884 die Erlaubnis, das Ordenskleid des Franziskus während der Nacht tragen zu dürfen. Auf ihre Bitte hin übersandten ihr die Kapuzinerinnen in Mainz einen Habit, Skapulier, Gürtel und Schleier.

Berufstätigkeit und Aktivitäten

Eine erste Tätigkeit außerhalb des elterlichen Hauses nahm Paula Reinhard 1866, im Jahr des preußisch-österreichischen Krieges, auf. Sie half mit bei der Pflege der Verwundeten im Lazarett. Dies wiederholte sich 1870. Für ihren Einsatz im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871 wurde sie mit der Kriegs-Denkmünze aus Stahl für Nicht-Combattanten ausgezeichnet. Die ambulante Pflege von Armen und Kranken in der Umgebung blieb ihr immer ein Anliegen. Sie wurde von der Bevölkerung „Engel des Tales“ genannt. Daneben war sie über viele Jahre hinweg auch in (caritativen) Vereinen aktiv. Sie gründete in Ehrenbreitstein eine Marianische Kongregation. Eine weitere Einrichtung für die Jugend war eine Jugendbibliothek im Elternhaus, wo es Paula übernahm, Bücher auszuleihen.

1885 initiierte Paula eine Art Gefängnisseelsorge. Der Gefängnisgeistliche bat sie, Besuche bei weiblichen Strafgefangenen zu übernehmen. Mit im Bunde war Maria Le Hanne geb. Reichensperger, die mit in das Koblenzer Gefängnis ging und 1896 auch nach Siegburg.

Gesellschaftliches Leben

Franz Reinhard, der Laientheologe am Rhein, wie er genannt wurde, hatte durch seine Veröffentlichungen einen hohen Bekanntheitsgrad in katholischen Kreisen erlangt. Sein Haus am Fuße der Festung Ehrenbreitstein wurde zu einem Treffpunkt katholischen gesellschaftlichen Lebens. Zum Haus in Ehrenbreitstein gehörte ein in zwölf Terrassen zur Festung hin aufsteigender Garten. 1882 ließ Reinhard durch einen Verwandten, den Berliner Architekten August Menken, eine private gotische Hauskapelle bauen, in der bis zu seinem Tode 1893 - wenn möglich - täglich eine heilige Messe gelesen wurde. Das Haus wurde später zur ersten Niederlassung der Pallottiner. Ein Aquarell des Hauses aus dem Jahre 1880 zeigt das Haus mit der fiktiven Inschrift „Gasthaus zur freundlichen Aufnahme von F. Reinhard“.

Paula Reinhard organisierte das Haus, sorgte für die Bereitung der Kapelle, die Vorbereitung der Bewirtung, für Ausfahrten und Spaziergänge. Zum Alltag der Reinhards gehörten auch Wallfahrten und andere Reiseunternehmungen (Frankreich, Belgien und Italien), die zumeist eine religiöse Komponente hatten.

Im Oktober 1883 besuchte Paula, mit ihrer Schwester Maria, die auf die Linderung ihrer Leiden hoffte, den schon zu dieser Zeit berühmten französischen Wallfahrtsort Lourdes. Dort wurde eine Statue erworben, die dann im Reinhardschen Garten in einer nachgebauten Lourdesgrotte aufgestellt wurde. Die Wallfahrt wurde mit Maria im Mai 1896 wiederholt, jedoch ohne, dass eine Linderung der Leiden feststellbar war.

Pallottiner und die Kapuzinerinnen zur Ewigen Anbetung

Nach dem Tod von Franz Reinhard am 28. Januar 1893 fiel es Paula und Maria Reinhard zu, sich um die Verwaltung des Reinhardschen Vermögens zu kümmern. Die Geschwister beschäftigten intensiv mit Klostergründungen. Vinzenz Pallotti (1795-1850) hatte 1835 in Rom die „Fromme Missionsgesellschaft“ gegründet, die 1892 in Limburg an der Lahn ihre erste deutsche Niederlassung errichtete. Bereits im Dezember 1892 hatten Franz, Paula und Maria Reinhard ihr Testament niedergeschrieben. Die Drei waren sich einig, dass die Häuser in Ehrenbreitstein an den Bischöflichen Stuhl in Trier fallen sollten; mit der Auflage, dort ein Missionshaus zu errichten. Die Pallottiner kamen 1893 nach Ehrenbreitstein. Als geistliche Gegenleistung erbaten die Schwestern Reinhard von den Pallottinern die Instandhaltung der Familiengräber, Gebete und das tägliche Lesen einer Messe in der Reinhardschen Hauskapelle, solange die Geschwister lebten.

Die Reinhards stellten für die Pallottiner nur die Gebäude zur Verfügung, finanzierten aber nicht deren Unterhalt, wie wohl die Ehrenbreitsteiner Bevölkerung irrtümlicherweise annahm, die in den ersten Jahren recht wenig Berührung zu den neuen Nachbarn hatte. Ein Versprechen von Paula Reinhard, den Ordensleuten noch ca. 200.000 Mark zukommen zu lassen, verlief im Sande; es wurden nur beim Neubau des Missionshauses (in Limburg) ungefragt 150.000 Mark als 1. Hypothek gegen 4 % Zinsen zur Verfügung gestellt, weil es bei den Ordensleuten durch zu vertrauensvolles Handeln zu einem Defizit gekommen war. Die Schwestern verfügten 1898 über ein Vermögen von mehr als einer Million Mark (1.048.000 Mark) und erwirtschafteten jährlich Einnahmen von 42.000 Mark. Die Zusammenarbeit zwischen Paula und Maria Reinhard und den Pallottinern gestaltete sich nicht immer reibungslos, da die Geschwister eigene Vorstellungen darüber hatten, wie sich Ordensleute verhalten sollten. Die Schenkung der Häuser an den Bischöflichen Stuhl von Trier erfolgte 1905.

Paula und Maria Reinhard nahmen noch eine weitere Neugründung vor. Die Schwestern der Ewigen Anbetung aus Mainz gerieten bei einem mehrmonatigen Aufenthalt an der italienischen Riviera im Januar 1902 wieder in den Blick. Hier machte Maria Reinhard den Vorschlag, den Schwestern Kloster und Kapelle in Koblenz zu bauen und selbst in ein Haus neben der Kapelle zu ziehen. Paula Reinhard schrieb in dieser Angelegenheit am 12. Januar 1902 einen Brief an Mutter Maria Ignatia Hertling nach Mainz. Der Vorschlag wurde dort positiv aufgegriffen, da man sich schon längere Jahre vergebens um eine Neugründung bemüht hatte.

Im Mai 1902 nahm Paula Reinhard das anvisierte Grundstück in Pfaffendorf sowie eine zum Verkauf stehende Villa in Augenschein und regelte in den folgenden Wochen die Grundstückskäufe und sonstige rechtliche Angelegenheiten. Die Reinhards wollten den Bauplatz schenken sowie die Hälfte der Kosten für den Kirchenbau und für die Kircheneinrichtung übernehmen, das angrenzende Wohnhaus der Geschwister Reinhard sollte nach deren Ableben den Schwestern zufallen.

Im Herbst 1902 erfolgte der Umzug der Geschwister in die angekaufte Villa, die den Namen „Haus Emmaus“ erhielt, die sie dann aber den Mainzer Schwestern zur Beaufsichtigung des Klosterbaus zur Verfügung stellten. Die Grundsteinlegung des Klosters fand am 13. September 1903 statt und die neue Klosterkirche wurde am 17. Oktober 1904 durch den Bischof Felix Korum von Trier konsekriert und dann wurde im Kloster Bethlehem feierlich die Ewige Anbetung eröffnet. Die Geschwister zogen in das umgebaute „Haus Emmaus“, das durch einen Gang mit dem an die Kirche angebauten Oratorium verbunden war. Gemäß der vertraglichen Vereinbarung mit den Geschwistern Reinhard kam täglich ein Pallottiner zur Messe und sonntags zusätzlich zur Andacht mit eucharistischem Segen. Der Besitz in Pfaffendorf wurde von Maria Reinhard in einer notariell beglaubigten Schenkungsurkunde vom 24. März 1909 an den Bischöflichen Stuhl in Trier übertragen.

Arme Dienstmägde Jesu Christi

Paula Reinhard hatte keinesfalls den tätigen Aspekt in ihrem Leben vergessen. Durch die Vermittlung der Schwestern Reinhard konnten auch die Armen Dienstmägde Jesu Christi (Dernbacher Schwestern) 1906 in Pfaffendorf eine Niederlassung eröffnen, um 1908 Kindergarten und Nähschule in der Augustinergasse in Ehrenbreitstein zu übernehmen. Die Reinhards unterstützten auch den Bau der neuen Pfarrkirchen St. Joseph und Herz-Jesu in Koblenz, die nach der Stadterweiterung eingerichtet wurden. Neben den Ordensleuten wurde auch die Pfarrei bedacht. So stellten die Geschwister Reinhard 1894 die Mittel für eine Mission in Ehrenbreitstein zur Verfügung (Volksmission).

Herr bleibe bei uns, den es will Abend werden

Im November 1907 brach Paula zu ihren jährlichen Exerzitien – es sollten die letzten werden - nach Trier auf. Die Übungen dauerten bis zum 7. Dezember und standen unter der persönlichen Leitung von Bischof Felix Korum, der ihr geistlicher Begleiter war. Einige Wochen nach ihrer Rückkehr aus Trier machte ihr ein Halsleiden sehr zu schaffen, das aus einer Erkältung resultierte. Hinzu kam Anfang 1908 eine „Nierenkrisis“, die sich als Nierentumor herausstellte. Eine Operation konnte vermieden werden, doch Paula erzählte Besuchern, dass „sie schon ihr Köfferchen für die Reise in den Himmel fertig gepackt habe“. Nach einer kurzen Zeit der Besserung, in der sie mit Mutter Maria Ignatia noch wichtige Angelegenheiten regeln konnte, verschlimmerten sich ihre Leiden, ohne dass Medikamente und Gebete Abhilfe schaffen konnten. Jetzt wurde zum letzten Mittel gegriffen. Am 1. Juni startete eine Reise nach Lourdes. Vorher hatte Paula Reinhard die Sterbesakramente sowie die Generalabsolution empfangen. Die Abreise aus Lourdes erfolgte am 12. Juni 1908. Paula Reinhard hatte am Gnadenort vergeblich auf ein Heilungswunder gehofft. Am 14. Juni kam die Todkranke in Paffendorf an. Sie starb am 18. Juni 1908, dem Fronleichnamsfest im „Haus Emmaus“. An ihrem Sterbetag kam Bischof Felix Korum, der am folgenden Tag auch im Sterbezimmer die heilige Messe feierte. Sie wurde gemäß ihrem letzten Willen mit dem Habit der Kapuzinerinnen der Ewigen Anbetung bekleidet. Der Leichnam wurde am 21. Juni (Fest des hl. Aloysius) in der Kapelle der Ewigen Anbetung aufgebahrt und dann auf dem Friedhof in Pfaffendorf auf der von Paula Reinhard im Frühjahr 1908 erworbenen Familiengrabstätte beigesetzt. Die Gebeine von Paula und Maria Reinhard wurden 1968 auf den Schwesternfriedhof im Klostergarten in Pfaffendorf überführt.

Paula Reinhard führte im Verborgenen ein intensives geistliches Leben. Sie handelte zielorientiert. Das nicht unbeträchtliche Familienvermögen wurde zu Gunsten kirchlicher Projekte verwendet, so dass Paula Reinhard und ihre Schwester Maria zu katholischen Mäzenatinnen wurden. Sie verzichteten nicht in franziskanischer Armut gänzlich auf ihr Vermögen, doch sie setzten es zu Gunsten der Kirche ein. Ihre Klostergründungen verliefen durchaus planvoll. Für alle Einrichtungen konnten die Reinhards ganz gezielt ihre Verbindungen in kirchliche und gesellschaftliche Kreise nutzen und wirkten damit weit über die private Sphäre hinaus. Mit Paula Reinhard und der Oberin Maria Ignatia von Hertling trafen zudem zwei Frauen zusammen, die in der Lage waren, das Projekt einer Klostergründung durchzuführen.

Dr. Gisela Fleckenstein OFS


Weitere Informationen: www.paula-reinhard.de